31.08.2012

Biker vs Wanderer!

In diesem Zeitungsartikel wird mal Klartext geschrieben, genau nach meinem Geschmack! Nicht alle sind wir jung, wild und ohne Kohle unterwegs. Ein Kanadier muss diese Weisheit verbreiten. Ich sag das schon lange, nur hören mir immer nur die Falschen zu;)

Wintersportorte

Neues Standbein gesucht

Reisen-Freizeit
In der Schweiz zählt das Bündnerland zu den Mountainbike-Pionieren. Im Bild ein Biker auf dem Vorabgletscher.
In der Schweiz zählt das Bündnerland zu den Mountainbike-Pionieren. Im Bild ein Biker auf dem Vorabgletscher. (Bild: PD)
Traditionelle Winterdestinationen wie Flims, Davos, Crans-Montana oder Verbier versuchen immer häufiger, mit Bike-Strecken und -Parks im Sommer eine neue Zielgruppe zu erschliessen. Sie versprechen sich davon einen saisonalen Risikoausgleich.
Barbara Meixner

«Zuallererst muss man von der Vorstellung abkommen, dass Mountainbiker alle jung, wild und arm sind», erklärt Rob McSkimming, Manager des kanadischen Ski- und Bike-Resorts Whistler Blackcomb. Diese Erkenntnis sei der erste Schritt auf dem Weg zu einer erfolgreichen Mountainbike-Destination. Als sportliche Vorreiter begannen die Kanadier bereits in den achtziger Jahren damit, Bike-Trails und Bike-Parks als Ausgleich zum Wintergeschäft zu etablieren und zu vermarkten. Intensive Investitionen wurden jedoch erst ab 1999 getätigt. In einer Zeit, als die Fahrradindustrie die Angebotspalette für abfahrtsorientierte Kundenschichten ausbaute und Downhill, Freeride und Slopestyle an Bedeutung gewannen. Seither haben sich laut McSkimming über eine Million Gäste in Whistler auf ihre Räder geschwungen, Trails und Parks genutzt und die erheblichen Investitionskosten längst wieder «hereingefahren».

Hohe Investitionen

Whistler gilt in der Mountainbike-Szene als Paradebeispiel in Sachen Konzeption, Angebot und Vermarktung. «Sogar aus Europa kommen Vertreter von bekannten Tourismusdestinationen angereist, um sich von den erfahrenen Experten zu diesem Thema beraten zu lassen», sagt McSkimming. Wer konzeptionell und strategisch die richtigen Entscheidungen trifft, kann das in Skilifte und Pisten investierte Kapital und die ortsansässigen Arbeitskräfte auch im Sommer einsetzen und so ein Brachliegen der vorhandenen Ressourcen vermeiden.

Allein das Anbringen von Schildern mit der Aufschrift «Bike-Resort» hilft beim Streben nach einem lukrativen Geschäft nicht weiter. Hinter einer erfolgreichen Vermarktung steckt ein komplexer Prozess. Das weiss auch der Bündner Rafael Rhyner. Er beschäftigt sich mit seiner Firma Trailworks seit vielen Jahren mit Konzeption, Bau und Planung von Bike-Parks und Mountainbike-Trails und berät interessierte Tourismusregionen, die ein Angebot für die attraktive Zielgruppe aufbauen möchten. Rhyner hat zusammen mit seinem Geschäftspartner früh erkannt, dass viele Skigebiete in den Alpen einen profitablen Ausgleich zum Wintergeschäft suchen. «Die Sommerauslastung der Bergbahnen wird immer mehr zum Thema, und gleichzeitig begeistern sich immer mehr Freerider und Snowboarder aus dem Wintersportbereich für den Bike-Sport.» Dieser Trend hat viel damit zu tun, dass technisch ausgereifte Fahrräder seit einigen Jahren immer erschwinglicher werden. Durch diese Entwicklung werden kontinuierlich neue Kunden angelockt, die das Mountainbike als attraktives Freizeitsportgerät sehen.

Jedoch sind sich viele Gebiete nicht darüber im Klaren, welche Kosten und Investitionen sie bei der Umsetzung ihrer Mountainbike-Pläne zu gewärtigen haben. Rhyner spricht aus Erfahrung: Auf eine Machbarkeitsstudie, die sich speziell mit den Voraussetzungen der Region auseinandersetzt, folgt gewöhnlich die Konzeption von unterschiedlichen Streckenvarianten. Rhyner: «In der Regel kann man beim Bau einer Bike-Strecke mit Kosten von rund 30 000 bis 100 000 Schweizerfranken pro Kilometer rechnen. Dies hängt vom Ausbaustandard, von der Trailbreite und vom Gelände ab.»

Wer sich nicht von den anfänglichen Kosten abschrecken lässt, stärkt auf Dauer den touristischen Gesamtbetrieb einer Region. Obwohl in den meisten Destinationen immer noch etwa 80 Prozent der Gewinne aus den Wintereinnahmen stammen, ist sich auch Cosima Page, Sprecherin der schweizerisch-französischen Region Portes du Soleil, sicher, dass strategisch durchdachte Investitionen der Region auf lange Sicht eine Dynamisierung der Sommersaison bringen. Zwölf Gemeinden im Grenzgebiet Schweiz - Frankreich haben bereits Anfang der neunziger Jahre gemeinsam beschlossen, erste Sesselliftverbindungen zwischen den Orten für Mountainbiker zu etablieren. «Natürlich kostet es viel, die Liftanlagen im Sommer laufen zu lassen. Und zusätzliche Gewinne werden im Liftbetrieb nicht gemacht. Die Öffnung der Lifte hat jedoch positive Auswirkungen auf andere Akteure der Tourismusbranche.» So profitieren gemäss Page durch die Angebotserweiterung insbesondere Geschäfte, Restaurants und Hotels. Es hat sich hier eine richtungsgebende Wirtschaft rund um das Thema Mountainbike entwickelt. «Die Vielfalt des Angebots ist entscheidend», fasst Page zusammen. Obwohl in den letzten Jahren vor allem in französischen Bergregionen eine Abnahme der sommerlichen Bettenbelegung verzeichnet wurde, sprechen die Zahlen der liftnahen Betriebe in der Region Portes du Soleil klare Worte: Die Übernachtungen steigen seit mehreren Jahren konstant an. Im Sommer 2011 konnte der Tourismusverband eine Zunahme von fast 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr verzeichnen. Dabei kamen ungefähr 15 Prozent der Gäste aus Grossbritannien. «Vor allem die englischen Besucher kommen ausschliesslich zum Mountainbiken hierher. Wandern und Erholung stehen nicht mehr im Vordergrund.»

Graubünden als Vorreiter

Neben Portes du Soleil zählt der Schweizer Kanton Graubünden zu den Pionieren im Mountainbike-Tourismus. Zwar ist das Bündnerland dank seiner Höhenlage gemäss OECD-Studien hinsichtlich der Folgen des Klimawandels eine der sichersten Regionen der Alpen. Trotzdem beschäftigt sich die Tourismusregion gründlich mit der Analyse und Etablierung von Mountainbike-Angeboten, um dem stagnierenden Wintergeschäft einen Sommerschwerpunkt entgegenzusetzen. Über 4000 Kilometer beträgt das offizielle Routennetz für Mountainbiker in Graubünden. Und auch auf Gesetzesebene zeigt sich der Kanton fortschrittlich: Wo Mountainbiken nicht explizit verboten ist, dürfen für die Ausübung des Sports auch die Wanderwege genutzt werden.

Gieri Spescha, Kommunikationsverantwortlicher bei Graubünden Tourismus, ist sicher, dass in den neunziger Jahren der richtige strategische Weg eingeschlagen wurde. «Entgegen immer noch kursierenden Vermutungen sind Mountainbiker eine sehr kaufkräftige und damit interessante Zielgruppe. Der Sommer hat im Vergleich zum Winter touristisch gesehen ein noch grösseres, unausgeschöpftes Potenzial.» Das zeigt auch eine Studie des Instituts für Tourismus und Freizeitforschung der Hochschule für Technik und Wirtschaft Chur: 55 Prozent der Mountainbike-Gäste übernachten mindestens einmal und geben mehr aus als Wanderer. Durchschnittlich sind es 159 Franken pro Tag.

Wieweit das sommerliche Potenzial der Alpen in Zukunft genutzt werden soll und kann, wird sich in den nächsten Jahren zeigen. Naturschützer betrachten die zunehmende Kommerzialisierung des Alpenraums kritisch. Die Nutzung bestehender Infrastrukturen wie Skilifte und Pisten ist jedoch nicht Hauptkritikpunkt. Roland Schuler, Vertreter der Schweizer Naturschutzorganisation Pro Natura, sieht den Konkurrenzkampf der Tourismusdestinationen als das grosse Risiko. «Im Moment setzen zu viele der Destinationen auf ein Wachstum der Angebote, was oft neue Infrastrukturen in der Landschaft zur Folge hat: Aussichtsplattformen, Bike-Trails und Fun-Parks.» Der Druck auf die Naturlandschaften nimmt dadurch immer weiter zu. «Nicht grösser und mehr sollte das langfristige Ziel sein, sondern besser und verträglicher.» Bis anhin lassen sich relativ wenige Tourismusverbände bezüglich Mountainbike-Trails und Naturschutz beraten. Wenn es darum geht, Sommerangebote im Mountainbike-Bereich umzusetzen, stehen ökonomische Entscheidungskriterien im Vordergrund.

Konzeptionell und strategisch haben die verschiedenen Alpenregionen teilweise unterschiedliche Wege eingeschlagen. Eines scheint jedoch klar: Auf das Sommergeschäft mit den Mountainbikern möchten immer weniger Tourismusdestinationen verzichten.

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